Allan Jenkins „Wurzeln schlagen“

PLOT 29Wer sich auf Allan Jenkins Buch “Wurzeln schlagen” einlässt, den erwartet eine GartenLiteraTour de Force. Querbeet geht es durch die Schrebergarten Parzelle “Plot 29” in London, sowie durch die Tiefen der Seele eines passionierten Gärtners. Ein Text über die Suche nach den eigenen Wurzeln, das Glück der frühen Morgenstunden und des Gärtnerns.

Aber Achtung vor dem Buch: Es wird ein bisschen wehtun!

GENRE WECHSEL

Nach Ende der Lektüre eines spannenden Thrillers dachte ich daran, dringend mit dem nächsten Buch Genre wechseln zu wollen und habe mich gefreut, wieder ein paar Gänge zurück schalten und mit einem schönen Gartenbuch eine ruhigere Lesart einschlagen zu können. 

Wie sich rasch herausstellen sollte, ein veritabler ​​Irrtum! 

Denn der vorliegende Band ist alles andere als ein ruhiges und beschauliches Gartenbuch, dabei hätte es alle Attribute, um als ein solches durchzugehen. 

Und wieder einmal war es das Buchcover, das sirenenhaft für ersten Blickkontakt gesorgt hat. ​Nicht nur face-à-face, sondern auch beim Gedruckten zwischen zwei Buchdeckeln zählt der erste Eindruck und ist oft ausschlaggebend dafür, sich letztendlich für ein Buch zu entscheiden. Es zu seinem Buch zu machen.

Wurzeln schlagen präsentiert sich auf den ersten Blick dann auch als ein Buch der leisen Töne. Das Cover ist liebevoll gestaltet und farbenfroh illustriert mit Kapuzinerkresse, die sich über das Buch zu ranken scheint. Apfelgrün gefärbte Seiten am Rand und ein gelbes Lesebändchen machen die deutsche Ausgabe von Plot 29 zum ansprechenden und hübschen Eye Catcher. Ein Band, der pures Gartenglück darin vermuten lässt.

DAS JAHR DES GÄRTNERS

© Bild: Allan Jenkins

Wir schreiben das Jahr 2015. Im Großstadtdschungel London macht sich Allan Jenkins im Juni, kurz vor Mittsommer, ans Werk, Tagebuch über ein Jahr im und mit dem Garten zu schreiben. Über die Freuden des Gärtnerns in einer Kleingartenkolonie zu berichten. Dass daraus gleichzeitig eine Tour de Force  und eine ganz persönliche Suche nach seinen eigenen Wurzeln werden sollte, war zu diesem Zeitpunkt noch nicht abzusehen. 

Ergebnis ist ein Buch mit zwei Handlungssträngen und drei Gärten, die im Laufe der Lektüre bespielt werden. Der Garten der Kindheit, Plot 29 in London und ein Familiengarten in Dänemark.

Zentraler Ausgangspunkt ist Plot 29, den der Autor gemeinsam mit zwei Freunden bewirtschaftet. Dass dieser Garten weniger ein Ort, denn vielmehr ein Lebensgefühl für ihn bedeutet, sei an dieser Stelle bereits vorausgeschickt.

Allan Jenkins, ehemaliger Gastrokritiker für die Zeitung The Independent, preisgekrönter Journalist und Herausgeber des Observer Food Monthly, spürt seit jeher eine starke Verbundenheit mit der Erde. Steht im Dialog mit seinem Garten, den er gerne mit einer ungezähmten Katze vergleicht, die regelmäßig gefüttert werden will und sich im Gegenzug mit Blütenpracht und reichlicher Ernte erkenntlich zeigt. 

DAS GLÜCK EINES GÄRTNERS

Für den Journalisten, der das Glück der frühen Morgenstunden besonders schätzt und sogar ein weiteres Buch “Morning. How to Make Time: a Manifesto” darüber geschrieben hat, beginnt das große Glück im kleinen Garten wahrscheinlich sehr viel früher als für viele andere. Zeitig, noch vor Beginn seiner Arbeit in der Redaktion ist er unterwegs Richtung Garten und oft auch schon mit verschiedenen Arbeiten in Plot 29 zugange.  

© Bild: Allan Jenkins

Die Arbeit im Garten schenkt ihm Ruhe und Konzentration und lehrte ihn im Lauf der Jahre immer aufmerksam zuzuhören und zu verstehen. Was der Garten über einen selbst, den Gärtner, verrät. Er lernt seine Gärtner Lektionen über Liebe und Verlust und es ist vorab tröstlich zu erfahren, dass er gefunden hat, wonach viele noch suchen, manche sogar ihr Leben lang. Eine Arbeit, die glücklich macht im Garten.

Allan Jenkins liebt es im Kreise seiner Freunde zu gärtnern, man hilft einander aus, unterstützt sich und ist in Krisenzeiten füreinander da. So gelingt es gemeinsam Garten und Ernte unter Kontrolle zu halten, gerade auch dann, wenn widrige Umstände gärtnerische Zwangspausen erforderlich machen.

ZUKUNFT SÄEN

© Bild: Allan Jenkins

​Mit Hingabe gräbt Jenkins in der Erde, sät und scheint auch immer ein paar Tütchen Samen zur rechten Zeit bei sich zu tragen. In Anbetracht der kleinen Fläche von Plot 29 von gerade einmal 22 Quadratmeter Größe können dafür erstaunlich große Mengen an Gemüse geerntet werden.

Bohnen, Erbsen, Kartoffeln, Tomaten, Mangold. Meist wird mehr geerntet als gegessen werden kann und der Rest wird  einfach mit den Freunden geteilt. 

© Bild: Allan Jenkins

​Und wenn es mal tatsächlich weniger sein sollte, spielt das auch keine Rolle, denn „wer ein echter Gärtner ist, sollte stets eine sonnengereifte Tomate und etwas Salz in der Tasche haben“ (Allan Jenkins)

GARTENBILDER IM KOPF

Doch ein Garten hält nicht nur Leib, sondern auch die Seele zusammen. Und so hat jeder Gärtner seine eigenen Bilder im Kopf und die damit einhergehenden Gefühle im Herzen. Für Allan Jenkins bedeutet die Gartenerbse ein warmes Gefühl der Sicherheit.

Wer sich jetzt vielleicht noch an das El Bulli erinnert, vor vielen Jahren weltbestes Restaurant, wird gerührt sein zu erfahren, dass selbst dort in der von Ferran Adrià zelebrierten Molekularküche die Erbse eine Erbse geblieben ist und derart Kindheitserinnerungen wach werden konnten. Die Erbse nach Sicherheit geschmeckt hat.

Zum besseren Verständnis muss dazu erwähnt werden, dass in Adriàs Küche kein Stein auf dem anderen geblieben ist. Respektive die Zutaten eine unglaubliche Wandlung erfuhren und erst nach aberwitziger Verwandlung auf den Tisch kamen. 

…Dass im “El Bulli” eine Person stundenlang damit beschäftigt ist, winzige Erbsen aus Erbsenpaste, Algin und einem Chemikalienbad in Erbsenform zu bringen, um diese künstlich erzeugten Erbsen dann mit einem eigens hierfür angefertigten Sieblöffel – dass eine andere Person gelbe Luftballons mit flüssigem Gorgonzola füllt, diese dann aufpustet, über einer Quelle flüssigen Stickstoffs mit heiligem Ernst so lange dreht und wendet, bis die gesamte Innenseite des Luftballons mit einer dünnen, gefrorenen Schicht Käse überzogen ist, die nach vorsichtigem Abziehen der gelben Luftballonschicht den Gästen als wundersam erzeugte Knusperkäsekugel serviert wird” …(Textquelle)

Aber das El Bulli ist Geschichte. Die schönen wie gefühlvollen Assoziationen und bester Geschmack sind über die Jahre geblieben.

© Bild: Allan Jenkins

​​Dieser Teil der Geschichte ist bislang schmerzfrei, köstlich und fühlt sich rundum richtig an. Gartenglück, wie man es sich schöner nicht vorstellen könnte!

SCHÖNE FLUCHTEN

Parallel zum Londoner Plot 29 wird im Laufe der Lektüre immer wieder von einem zweiten, dem Familiengarten in Dänemark die Rede sein, den der Autor temporär pflegt und betreut.

​Dort pflanzt er Wildblumen, Tulpen, Büsche und Bäume. Fern seiner heimatlichen Parzelle in London hat er dann auch im dänischen Garten alle Zeit der Welt, auf Blüte und Wachstum zu warten. Hadert nicht mit dem Lauf der Zeit. Selbst im Wissen, manche der eigenhändig gepflanzten Bäume vielleicht nicht mehr in voller Größe erleben zu können.

Und wo es sich in London jedesmal mehr als unbehaglich anfühlt und Allan Jenkins immer das Gefühl hat, seinen Garten im Stich zu lassen, wenn er ihm auch nur für sehr kurze Zeit den Rücken kehrt, ist das im dänischen Garten kein Problem. 

Als ob die Entfernung ein entspannendes Element in sich trüge.

KAPUZINERKRESSE, LICHT UND SCHATTEN

Die Kapuzinerkresse war’s …

© Bild: Allan Jenkins

Doch wo Licht ist, ist auch Schatten und so wird der Leser unausweichlich damit konfrontiert, den Gärtner nicht nur durch seine Tour durchs Gartenjahr, sondern auch auf seiner persönlichen Zeitreise in die Vergangenheit, auf der Suche nach seinen Wurzeln zu begleiten. Seine seelischen Nöte mitzutragen, mit ihm zu weinen.

Tief unten in seinem Herzen und im metaphorischen Unterholz schlummert die familiäre Tragödie eines Mannes, der einen denkbar unglücklichen Start ins Leben hatte. Aufgewachsen im Heim, kommt er im Alter von 5 Jahren gemeinsam mit seinem Bruder zu einer Pflegefamilie und sucht dort nach Geborgenheit, Schutz und Liebe. Kümmert sich liebevoll um seinen ein Jahr älteren Bruder, beschützt ihn und versucht gemeinsam mit ihm in der neuen Familie endlich Wurzeln zu schlagen. Wie die Kapuzinerkresse vom Buchcover, der hier ihre Bedeutung und verbindende Rolle zwischen den Zeiten zukommen wird. Die für Allan Jenkins zur Klammer zwischen höchstem Gartenglück und tiefster Verzweiflung werden soll.

Die Kapuzinerkresse war es auch und so spült ein in Plot 29 ausgebrachtes Tütchen Samen Erinnerungen an erste Kindheitserlebnisse im Garten der Pflegefamilie ans Licht und wird zum Auslöser, mehr über seine Herkunft zu ergründen.
Auf dieser Suche nach der eigenen Zugehörigkeit tun sich ungeahnte familiäre Verstrickungen auf und der aufmerksame Leser könnte geneigt sein, zu vermuten, warum Jenkins zu Beginn des Buches seine Protagonisten der Reihe nach auftreten lässt. Seine Schrebergartenfamilie, Familie, Geschwister, Eltern, Onkel und Tante und last but not least sein Alter Ego. In dieser Reihenfolge.

Und es ist gut so. Denn unterwegs auf der Geisterbahnfahrt, so der Autor selbst über diese, seine Zeit der Suche, ist man ab und an dankbar, nachzublättern. Für den Rückblick auf die im Laufe der Seiten neuen und zahlreich auftretenden Familienmitglieder. Gesetzt den Fall, dass der Leser nicht in einem Zug durch das Buch prescht, sondern sich kurz vom Text zurückzieht, um mental selbst wieder zu Kräften zu finden.

Denn es tut weh!

Das Karussell zwischen Gegenwart und Rückblick in die Vergangenheit, Leben und Tod wird zunehmend rasanter und doch kreist alles immer wieder um den Garten. Ohne den der Leser wohl rettungslos verloren wäre. Verloren wie der Autor, der von seiner Mutter verlassen seine ersten Lebensjahre in Heimen zubringen musste, den geliebten Bruder nicht immer an seiner Seite. Dem er Familie sein wollte und den er in späteren Jahren wieder unter tragischen Umständen verlor. Verloren wie der kleine Junge, der in Pflegefamilien groß werden musste und dort das Gefühl der Geborgenheit nie kennen lernen durfte. Verloren wie ein junger Mensch, der keine Wurzeln schlagen konnte.

Wer sich schon einmal in einem spannenden und nervenzerfetzenden Theaterstück gefangen gefühlt hat, der mag bei der Lektüre dieses Buches Gefahr laufen, ein veritables Déjà-vu zu erleben. Es ist auch nicht auszuschließen, dass der eine oder andere Leser sogar insgeheim hofft, der Autor möge innehalten und dem Drama einfach ein Ende bereiten. Doch die Suche nach seiner Familie geht unerbittlich weiter. Der Autor verfolgt jeden Hinweis, dessen er habhaft werden kann, prüft und verzweifelt, wenn sich ein solcher wieder einmal als Finte herausstellt. 

Dem Leser geht es während der Lektüre auch nicht gut und so bleibt er teils fassungslos, teils schockiert zurück. Zappelt wie eine Spinne im Netz in dem Wissen, dass es auch für ihn kein Entrinnen geben wird. Dieser Text lässt nicht locker und will zu Ende gelesen werden.

So driften beide Seiten, Autor und Leserschaft gemeinsam einem hier offen gelassenen Ausgang entgegen. Jedoch in Dankbarkeit für das schönste Gefühl der Welt, einen Ort der Heimat und Verbundenheit gefunden zu haben. Einen Ort wie ein natürliches Heilmittel gegen Ängste, Melancholie und Zorn. Ein Ort, der Ruhe und inneren Frieden schenkt. Der Garten, ein Lebensgefühl.

Und obwohl die Lektüre streckenweise quälend ist und schmerzt und das Buch innere Gleichgewichtsstörungen hervorrufen kann, ist sie der schönste Beweis dafür, was Garten alles vermag. Kaum hat man auch den letzten Satz beendet, hat man das Bedürfnis, noch ein wenig zuzuwarten, das Buch nicht gleich zuzuklappen, sondern dem Gelesenen nachspüren zu wollen. Wie nach einem ergreifenden Film, wenn man reglos im Fauteuil sitzen bleibt, um das soeben Gesehene auf sich nachwirken zu lassen. Wie nach einem wunderbaren Konzert, an dessen Ende es manchmal unmöglich ist, sofort zu applaudieren, um noch die letzten Töne im Inneren nachhallen zu lassen.

Ich werde mir nach dieser Lektüre jedenfalls ein wenig Kapuzinerkresse besorgen. Auch etwas Amaranth wäre schön, so ich einen auftreiben kann. Wenn auch nicht mehr für heuer, dann für nächstes Jahr. Doch das ist kein Problem, denn „Samen haben Zukunft“ (Allan Jenkins)

​Weil Garten glücklich macht!

© Bild: Allan Jenkins

2 Kommentare zu „Allan Jenkins „Wurzeln schlagen““

  1. Thanks for taking this opportunity to discuss this, I feel fervently about this and I like learning about this subject

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