Über die Liebe zum Garten, Art Nouveau und Tattoos

GARTENFREUNDIN MIT TATTOO
Die interessantesten Begegnungen macht man oft auf Reisen, erlebt gemeinsame Abenteuer in der Ferne, tauscht sich aus und unterhält sich vortrefflich. Und plötzlich wird aus einer netten Plauderei eine faszinierende Story. Wie hier über die Liebe zum Garten, zu Kunst & Literatur und zu Tattoos.​Inspiriert durch die Natur.

TREND ZUM KÖRPERSCHMUCK

Vielleicht haben Sie sich auch schon einmal die Frage gestellt, weshalb sich so viele Menschen tätowieren lassen und ihren Körper zur Leinwand machen. Oder wie man dazu kommt, sich großflächige Hautverzierungen stechen zu lassen.

Immer mehr Menschen treffen bewusst die Entscheidung, sich eine neue Haut zuzulegen und in diese hineinzuschlüpfen. Täglich werden es mehr und die „Art de Tattoo“ die oft einer Tour de Force gleicht und so richtig unter die Haut geht, hat mittlerweile eine Breitenwirkung erreicht, die Ihresgleichen sucht. Dabei ist das primäre Ziel nicht zu kaschieren und verschönern, sondern den Körper zu schmücken und dort für Vollendung zu sorgen, wo dies gewünscht wird.
Beinahe alles ist möglich.

Die Lust, den Körper zu verzieren ist eigentlich ein alter Hut und hat nicht erst, wie oft vermutet, mit Seefahrern ihren Anfang genommen. Zwar haben Seeleute bei der Rückkehr in den heimatlichen Hafen mit ihren gestochenen Bildern für allerlei Aufregung und Wirbel gesorgt, doch die Anfänge dieser Strömung liegen deutlich weiter in der Vergangenheit, in der Steinzeit. Soll doch schon unser Ötzi, die alte Gletschermumie, Anzeichen von Tätowierungen am Gebein gehabt haben. Mehr Details zu den vermutlich ersten Tattoos überhaupt finden Sie hier.

BEGEGNUNG MIT EINER GARTENFREUNDIN UND IHRE LUST AUF KUNST

Als ich S., eine zauberhafte junge Dame mit strahlendem Lächeln und einem veritablen Flowerprint am Rücken kennenlernte, genügte ein kurzer Blick auf ihre Rückenmalerei und ich war beeindruckt. Bin ich doch seit jeher von der Kunst des Tätowierens fasziniert und erfreue mich gerne an schönen Motiven. Wenn auch mehr innerlich und immer mit einem verborgenen Schauder, ob so viel Mutes, den Körper bis in alle Ewigkeit zu verzieren.

Mein kleines Faible für schöne Bilder auf der Haut dürfte wahrscheinlich daher rühren, da ich in sehr jungen Jahren mein Taschengeld gerne in Kaugummi mit beigepackten bunten Abziehbildern investierte. Vornehmlich der Körperverzierung wegen. Die Sache war kinderleicht zu bewerkstelligen, da lediglich die gewünschte Hautpartie etwas befeuchtet und dann das Bildchen kurz darauf gepresst werden musste. In Sekundenschnelle hatte man die schönsten „Tattoos“ an Arm und oder Bein. Mit entsprechend elternfreundlich kurzer Halt,- und Sichtbarkeitsdauer.

Doch liegen Welten zwischen Tier-und Blumenbildchen in Miniaturausgabe und großflächigen Jugendstilmalereien, die sich diagonal über den Rücken erstrecken. Da drängt sich beinahe automatisch die Frage nach der Entstehung und dem Reifen der Idee auf, seinen Körper im wahrsten Sinne des Wortes gravierend verändern zu wollen. Diese Frage brannte mir förmlich unter den Nägeln und so bat ich S., von ihrem Weg zum Tattoo zu erzählen. Von der ersten Idee bis zum rückendeckenden Bild. Zum Jugendstil-Tattoo.

Es mag sich vielleicht erst auf den zweiten Blick erschließen, dass es sich um ein ganz besonderes Tattoo handelt, das S. stolz am Rücken trägt. Denn sieht man etwas genauer hin, entdeckt man, dass es sich eigentlich um zwei Motive handelt. Zwei unabhängige Bilder von zwei Art Nouveau Künstlern, die zusammen ein großes Ganzes ergeben.

AUF DEM WEG ZUM JUGENDSTIL-TATTOO

S. hatte von Kindheit an einen sehr intensiven Bezug zur Natur, durfte sie doch das große Glück erleben, im Rhythmus der Natur aufzuwachsen und verbrachte so die schönsten Stunden der Kindheit in einem riesigen Garten am Waldrand. Geprägt von dem Erleben der vier Jahreszeiten in Wald und Flur, wurde damals schon der Grundstein für eine lebenslange Liebe zur Natur gelegt. Eine Liebe fürs Leben, die ihr ihre Großmutter mit auf den Weg gegeben hat. Die Oma war´s auch, die ihr die Geheimnisse der Pflanzenwelt näher brachte, die jede Pflanze zu benennen und um deren spezielle Wirkung Bescheid wusste. Und wer kann einem jungen Menschen die Liebe zu Flora und Fauna besser vermitteln, als jemand, der selbst für seine Pflanzen lebt, dem Naturverbundenheit ein großes Anliegen ist und der ganz darin aufgeht. So verbrachte S. ihre Kindheit inmitten einer grünen Welt, in der immer Blumen am Tisch standen und das Heim schmückten und Obst und Gemüse im eigenen Garten geerntet wurden.

In dieser idyllischen Atmosphäre entfachte sich eine tiefe Leidenschaft für Umwelt und Natur, Pflanzen und Blumen.

In den folgenden Jahren entdeckte sie Kunst und Malerei und begeisterte sich ganz besonders für jene Stilrichtungen, in denen florale Motive vorherrschend sind. Gefunden hat sie diese in ihrer schönsten Form bei Monet, dem französischen Impressionisten, dem russischen Surrealisten Vladimir Kush und last but not least bei Alfons Mucha, dem tschechischen Jugendstil-Maler, Grafiker und Plakatkünstler mit seinem Faible für Japan und die dort vorherrschenden großflächigen Blüten.

So kam eines zum anderen und mit der Liebe zur Literatur schloss sich der Kreis der breit gefächerten Beweggründe auf dem Weg zum Tattoo. Denn S. ist nicht nur begeisterte Garten-und Kunstfreundin, sondern hat als gelernte Buchhändlerin auch die schöne Literatur tief im Herzen verankert und ist der literarischen Vorlage von Alexandre Dumas „La Dame aux Camélias“ von jeher bestens geneigt.

DIE TÄTOWIERUNG: WIE EIN SOMMERTAG IM WALD

Alle Wege führen nach Rom. Die Liebe zu Literatur, Kunst und Natur manchmal auch zum Tattoo.

Erste Überlegungen, einen solchen Schritt tatsächlich zu wagen und sich tätowieren zu lassen kamen um den 20. Geburtstag herum auf und doch sollte es noch gute zwei bis drei Jahre bis zum ersten gestochenen Bild dauern. Die Auswahl eines geeigneten Motives war für S. ein Leichtes. Als bekennender Sommermensch wünschte sie sich ein heiteres, ein fröhliches Bild. Eines von Mucha sollte es sein und so entschied sie sich für den „Sommer“ aus der Serie der Vier Jahreszeiten.

Eine schöne Qual der Wahl.

Die vier Jahreszeiten. Alfons Mucha. Originalausschnitt Rückentattoo

Gleichrangig neben dem Wunsch nach Veränderung der Haut durch ein schmuckes Tattoo stand Individualität ganz oben auf der Wunschliste. Um diesem Anspruch gerecht zu werden, sollte nicht nur das fröhlichste Bild von Muchas Jahreszeiten in Zukunft ihren Rücken zieren, sondern in weiterer Folge mit einem zweiten Bild harmonisch kombiniert und verschmolzen werden.

Die Wahl für das zweite Bild fiel auf „Music of the Woods“ von Vladimir Kush. Musik des Waldes, so die deutsche Übersetzung, spielt dabei mit unserer Fantasie und führt den Betrachter gedanklich direkt hinaus in den Wald. Man glaubt plötzlich das Rauschen der Gräser, das Zwitschern der Waldvögel und den Gesang sich im Winde wiegender Bäume zu vernehmen. Umgesetzt in die Bildsprache in Form eines Grammophons, das dem Betrachter die Melodien des Waldes abspielt. Zwischen Geistern und Waldbewohnern.

Music of the Woods. Vladimir Kush. Originalausschnitt Rückentattoo

Aus all diesen Einflüssen ist in Summe ein Gesamtkunstwerk entstanden, das es jetzt seitens seiner Trägerin zu hegen und zu pflegen gilt. Denn wie für Bilder auf der Leinwand gilt das Gleiche auch hier für die Haut: äußerste Sorgsamkeit und Aufmerksamkeit. Ein Leben lang.

Schön wäre es in naher Zukunft, ein Stückchen Grün zu bewirtschaften, so die Antwort auf meine abschließende Frage nach weiteren Plänen für die Zukunft. Denn, was jetzt noch fehlt, ist eigentlich nur ein eigener Garten.

M. Claude empfiehlt:

Sehen Sie hier gleich mehr über das Werk von Alfons Mucha und entdecken auch das Sommerbild der Vier Jahreszeiten.
Ein Augenschmaus nicht nur für Gartenfreunde!

https://youtube.com/watch?v=IC5GND0nGY4%3Fwmode%3Dopaque

2 Kommentare zu „Über die Liebe zum Garten, Art Nouveau und Tattoos“

  1. Liebe Dani, was fuer ein wundervoller Beitrag. Mir fehlt der Mut fuer ein Tattoo. Allein, wenn ich schon an die Nadeln denke…
    LG Kathrin

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