Gartenbuch Tipp de Woche: Garten-Verrückt. Elin Unnes

LEBENSWEISHEITEN UND BOTANISCHE TRICKS VON UNSTERBLICHEN GARTENGENIES
Ein anderes Gartenbuch für alle, die dem großen Ganzen nachjagen. Die für ihr Leben gerne einen tiefen Blick in die Geheimnisse Gartenverrückter aus aller Welt werfen wollen. Die alles stehen und liegen lassen, um von den Großen zu lesen und zu lernen. Verrückt?

Aber sind wir GärtnerInnen nicht alle ein bisschen verrückt?

GARTENFREAKS & GEEKS

„Ich schnappte mir ein geliehenes Buch, das im Flur lag, Vita Sackville-Wests The Illustrated Garden Book, und verließ das Chaos in der Wohnung. In einem Cafe im Obergeschoss einer Kunstschule, umgeben von nackten Statuen, bestellte ich einen Kaffee. Dann öffnete ich das Buch einer Unbekannten und traf, ohne jede Vorwarnung, mein neues Gartenidol…“ (Elin Unnes)

Nicht anders als der Autorin Elin Unnes kann es dem interessierten Leser gehen, kaum dass er das Buch in die Hände bekommt. Nicht anders ist es auch der Autorin dieser Zeilen ergangen.

DIE COOLSTE GARTENGANG DER WELT

Mit dem vorliegenden Buch entführt uns die Autorin auf eine Gartenreise quer durch die Weltgeschichte und lässt uns in die Köpfe beherzter wie skurriler GärtnerInnen blicken. 40 der besten Gärtnerinnen und Gärtner aus aller Welt geben sich die Ehre. 

​Der zeitliche Bogen quer durch die Jahrhunderte spannt sich vom Jahr 1098, in dem Hildegard von Bingen im Garten zugange war, bis hin zu Ron Finley, der selbsternannte Gangsta-Gärtner unserer Tage, der sein Alter geheim hält, jedoch quietschvergnügt in Los Angeles sein gärtnerisches Unwesen treibt.

Auf dieser Gartentour durch Zeit und Raum gibt es nicht nur herrlich erfrischende Gartenidole zu entdecken, sondern auch Ideen, Experimente und Errungenschaften wie wundersame Erkenntnisse. Und den Ursprung gärtnerischen Know-Hows, das wir heute wie selbstverständlich praktizieren. Oder zumindest uns daran versuchen.

5 Kapitel

Die Gartenabenteuer führen durch fünf Kapitel, denen die jeweiligen Protagonisten thematisch zugeordnet sind:

  • Die Pflanzschule Sissinghurst
  • Unsterbliches Design
  • Weltverbesserer
  • Wenn aus Gemüse Kunst wird
  • Freaks & Geeks

Dabei sind die Kapitel so aufgebaut, dass die Autorin zu Beginn jeweils einen Überblick wie eventuelle Verflechtungen ihrer Auserwählten gibt, bevor sie diese einzeln vor den Vorhang treten lässt. Ein wenig Historie, ein Häppchen persönlicher Bezug, der in die Geschichte eingeflochten wird und das Thema des jeweiligen Gartenstars machen die Lektüre zum anregenden Leseerlebnis. Werden zur Essenz eines Gärtnerlebens im Kontext zu aktuellen Gartenthemen.

Am Ende eines jeden Kapitel finden sich abschließend eine Handvoll Buchtipps, die Lust auf noch viel mehr machen.

Auszug aus der Liste der Gartenverrückten und ihrer Visionen

Wem bei dieser Tour de (Garten)Force schwindlig werden sollte, kann sich am Ende eines jeden Kapitels gärtnerisch lesend ein wenig erholen. Bei den praktischen Ratschlägen je Thema. Da vermag ein kleiner Exkurs über Weiden zu entspannen. Einer der Lieblingsbäume von Vanessa Bell, einer englischen Malerin, die sich einen Garten schuf, der zum Paradies für Künstler wurde.

Man erfährt ganz nebenbei, dass Vita Sackville-West, schon zu ihren Lebzeiten eine der größten Gärtnerinnen der Welt, den Shabby Chic Stil erfunden hat. Kaputte und verschlissene Gegenstände ebenso wie die Farbe Weiß hatten es der Aristokratin besonders angetan und was dabei rausgekommen ist, kann man heute in vielen Gärten sehen. So auch meinem, in dem eine objektiv unansehnlich verwitterte Sitzecke in abgesplittertem Weiß in einem Eck steht und allen Anblicken trotzt und mir als Schreibstube dient. Doch das nur am Rande.

Ziemlich ihrer Zeit voraus war Constanze Spry, spätere Namenspatin der allerersten Rose des Züchters David Austin, als sie in den dreißiger Jahren wilde Pflanzenarrangements aus Grünkohl und Gras zusammenstellte und Orchideen mit Unkraut arrangierte. Damals ein Skandal, heute nice try. Dass sie auch den Blumenschmuck für die Skandal Hochzeit zwischen Wallis Simpson und dem abgedankten König Edward VIII arrangierte, geriet ihr nicht zum Nachteil. Durfte sie doch in Folge die florale Begleitung zur Krönung Königin Elisabeths ausrichten.

Via Gertrude Jekyll, der englischen Gartengestalterin und Autorin, erfahren wir von der Arts-and-Crafts Bewegung und wie man ein ausdauerndes mehrjähriges Staudenbeet anlegt. Ein Beet, das nach Meinung der Autorin ein bisschen wie eine gute Tätowierung sei: je größer, desto besser.

Die Pflanzenflüsterin und Gartenarchitektin Ulla Molin hatte sich der ultimativen Lösung für einen perfekten Rasen verschrieben. Als dies nicht gelingen wollte, bediente sie sich einiger Tricks, um ihr Ziel zu erreichen und begann, grüne Teppiche aus allem, nur nicht aus Gras zu kreieren.

Claude Monet darf in einer solch illustren Runde selbstverständlich keinesfalls fehlen. Der Impressionist war Maximalist der Sonderklasse. Sein Garten war geradezu überschwemmt von Pflanzen, die sich gegenseitig an Blüten, Wachstum und Schönheit zu überbieten schienen. Von Ährensalbei bis Zinnien war alles, was Blatt und Blüte hat, mit dabei.

Dass Gartenarbeit wie eine gute Meditation wirkt, ist kein Geheimnis. Was hingegen die Erfindung des Laubbläsers damit zu tun hat, ist überraschend. Denn einen solchen brauchen, geht es nach der Autorin, nur zen-buddhistische Mönche in Moosgärten. Was nicht zu erwarten war!

Weiter geht es in einem Stakkato von einer zur anderen Gartengröße wie Liz Christy, eine der ersten modernen Guerilla Gardener weiter zu Monty Don, dem wohl bekanntesten britischen Gärtner und Moderator.

Daneben ist von Schwenden die Rede oder wie man Gemüse auf Miniflächen anbauen kann. Wie die ehemalige First Lady Michelle Obama gärtnert und was es mit den drei Schwestern auf sich hat. Von der Entdeckerin des Mulchens, Ruth Stout, lernen wir das ach so verlockend klingende Gärtnern ohne Arbeit und die Norwegerin Annemarta Borgen macht neugierig auf ein mehr an Ringelblume, dem Arme-Leute-Safran, wie sie auch genannt wird.

Auch dem Thema Unkraut und wie man es nachhaltig schwächt, ist ein Kapitel gewidmet. Ein ulkig anmutendes, wie ich meine. Und last but absolutely not least gibt die Schauspielerin Isabella Rossellini preis, mit welchen Pflanzen sie erfolgreich Bienen anzulocken vermag. Hochaktuell und am Puls der Zeit!

Diese Übersicht ist nur ein Auszug, der weit davon entfernt ist, vollständig zu sein. Das gesamte „Who is Who“ der Großen der Gartenwelt wird auf über knapp 200 Seiten wie ein gärtnerischer Leckerbissen serviert und sollte entsprechend genussvoll konsumiert werden. Natürlich auch in kleinen Häppchen.

Fazit:

Das Buch ist spannend und kurzweilig zu lesen. Allerdings sollte man seinen Leseplatz nach Möglichkeit im Garten oder ortsnah wählen. So, dass der Weg in denselben möglichst kurz ist, sollte den Leser, die Leserin während der Lektüre ein unvermittelter Aktivitätsschub ereilen. Ein innerer Antrieb, augenblicklich zu gärtnern, dem man unbedingt nachgeben will und der nicht den geringsten Aufschub duldet.

Wer es sich hingegen bei der Lektüre im Garten so richtig gemütlich gemacht hat, wird kaum aufstehen, bevor er nicht auch die letzte Seite verschlungen hat.

Ein solches Buch ist dieses Buch, ein Kleinod unter den anderen Gartenbüchern.
Die vorliegende Ausgabe ist liebevoll gestaltet und nicht nur ein schönes Geschenk für Gartenverrückte, sondern eines, in das man selbst mit größtem Vergnügen eintaucht. Frei nach dem Motto:
Gehe in den Garten und lerne leben!


Über die Autorin
Elin Unnes ist eine schwedische Musikjournalistin und begeisterte, jedoch lange Zeit heimliche Gärtnerin. Sie hat viele Jahre für Vice sowie für BBC World Service gearbeitet. Auf ihrem Blog „The Secret Gardener“ berichtet sie von ihren Erfahrungen im Beet. Einer ihrer bisher größten Erfolge war eine sehr frühe Kartoffelernte. Elin Unnes lebt in Stockholm und hat ein bisschen Angst vor Blumen (S. 27)
Warum das nicht sein muß, lesen Sie hier …

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2 Kommentare zu „Gartenbuch Tipp de Woche: Garten-Verrückt. Elin Unnes“

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