Wenn der Garten zur Laufmeile wird: Erinnerungen einer Garten-Läuferin

LAUFEN IM GARTEN
Es liegt was in der Luft. Das Land läuft. Fast jedes Wochenende findet im Herbst ein gepflegter Marathon nach dem anderen statt. An vielen Orten, in verschiedenen Disziplinen. Nicht alle werden durchkommen und doch wollen es alle wissen. So wie ich auch. Noch dazu habe ich meine eigene Laufstrecke vor der Tür. Den Garten.

GARTEN & MEHR IN SCHWIERIGEN ZEITEN

Ich wollte es wissen, als ich Anfang des Jahres beschloss, endlich auch wieder einmal zu laufen oder besser gesagt, sportlich aktiv zu gehen. Wollte ein bisschen Marathon Luft schnuppern und im Runners bzw. Walkers High schwelgen. Allerdings führte mich meine Laufstrecke nicht über den städtischen Asphalt, sondern quer durch den Garten. Damals, im Jahr der Pandemie

Alles begann zwischen den Jahren. Ein vielversprechender Morgen erwartete mich und verhieß ein paar Sonnenstrahlen in den Nachmittagsstunden und die Möglichkeit, eine Runde zu drehen. Doch wohin konnte ich gehen? Die allgegenwärtige Frage, die wir uns alle in diesen Tagen, Wochen und Monaten der Zurückgezogenheit während der Pandemie stellten.

Was also lag näher als einmal mehr in den Garten zu? Denn Garten, ganz gleich wie klein oder wie groß er ist, hilft in jeder Lebenslage. So mein Credo.

Ich wollte ihn durchqueren und mein Outdoor-Fitnessprogramm in ihm abspulen. Den Garten nicht nur als verlängertes Wohnzimmer sehen, sondern vielmehr auch wie in einem Outdoor Sportstudio trainieren. Denn wenn es möglich war – und das war es – einen kompletten Marathon und somit 42,195 km im Garten zu laufen, sollte es doch ein Kinderspiel sein, durch denselben zu traben und ihn mehrmals zu umrunden. Die Länge der Laufstrecke einmal ganz flexibel gehalten…

Die Idee ließ mich nicht mehr los. Ich war kaum mehr zu halten. Auch der Termin war symbolträchtig gewählt und der ins Haus stehende Neujahrstag geradezu ideal für einen Neustart. Ein kleiner Schrittzähler lag bereit und es konnte losgehen. Allein, ohne die geringste Dokumentation meines neuen Trainings schien mir mein Vorhaben nicht ganz so attraktiv zu sein, bin ich doch eher der verspielt visuelle Typ.

Als gelernte Bridget Jones Leserin der ersten Stunde begann ich Tagebuch zu schreiben

GEHEN IM GARTEN TAG EINS

1. Januar 2021
Dauer:            0:30h
Schritte:         1.588

Der erste Ausgang im neuen Jahr. Besonders, weil kälter als erwartet. Unattraktiv, weil sich der Garten hässlicher als gedacht präsentierte. Und dennoch ein kleines Abenteuer wert, wenn man es sich denn nur oft genug einredet. Schönreden hilft ähnlich.

Derart eingestimmt und innerlich gewärmt von den Wonnen des Neujahrskonzertes unter Ricardo Muti, machte ich mich auf den Weg. Wenn der Weg das Ziel ist, ist es gut, da ich tatsächlich nicht die geringste Idee hatte, wohin mich dieser Weg führen sollte. Einmal rund ums Haus? Zu den Maulwürfen? In Richtung Kompost, denn dort gab es sicher etwas zu sehen. Türmen sich doch in meinem Haushalt immer genug Bioabfälle, die sachgerecht entsorgt werden wollen. Oder vielleicht doch besser in Richtung Wald, vorbei am Nachbargrundstück, von wo es sich zwanglos in den Keller schlendern lässt, um ein wenig Vogelfutter zu suchen und dem Federtier einen Neujahrs Leckerbissen zu kredenzen?

Ich hatte die Wahl. Und das war auch gut so, denn nur durch Aktivität ließ sich die Betriebstemperatur aufrecht erhalten. Es war angezeigt, in Bewegung zu bleiben. Was schließlich auch Ziel der ganzen Aktion war, denn nur zum Herumstehen war ich nicht in den Garten gekommen. Ich wollte mich bewegen.

Im Vorübergehen begann ich im Nirgendwo matschigen brauen Farn zu entblättern und zum Kompost zu transportieren. Jeden Wedel einzeln, denn mein Ziel lag neben dem Weg und veranlasste mich so viel Schritte wie möglich zu machen. Bei dem Aufgebot an Farn in meinem Garten eine feine Sache, da die Vorräte selbst für eine größere Runde ausgereicht hätten.

Allerdings war nach 30 Minuten Schluss mit Gehen, rutsche ich ungünstigerweise im Steilhang aus und schlitterte durchs Gelände. Ich zog es vor, die Runde abzubrechen.

GEHEN. WEITER GEHEN. SCHRITTE ZÄHLEN

Als Gärtnerin habe ich, was das Gehen anbelangt, von Haus aus eindeutig die Nase vorne. Pflüge ich, wann immer ich kann, durchs Unterholz und mache mich nützlich im Garten. Dass das jedoch noch lange nicht alles ist, sollte ich im Zuge der vergangenen Frankfurter Buchmesse erfahren.

Seit Jahren schon besuchte ich die größte aller Buchmessen mit einer Regelmäßigkeit, die dem jährlichen Erblühen der Forsythien im Frühling in nichts nachstand. Entdeckungen neuer Bücher sowie Begegnungen mit Autoren, Verlegern und Lektoren machen die Messe jedes Mal zu einem Fest.

Eine derartige Begegnung im Rahmen einer Lesung des Norwegischen Schriftstellers, Abenteurers, Kunstsammlers und Bergsteigers Erling Kagge sollte mir einen Anstoß geben und sich nachhaltig auf meine neuerwachte Lust am achtsamen Gehen auswirken. Sein Manifest lautet dabei „Gehen. Weitergehen…“. Der Autor berichtete, wie er sich zu Fuß Richtung Los Angeles aufmachte, wie er riskante Touren über Gletscherspalten unternahm und vermittelte beinahe den Eindruck, als handelte es sich bei seinen Wegstrecken um einen Spaziergang einmal rund um den Block.

Und obwohl ich selbst nicht unbedingt dem Abenteuer im Gletscher verfallen bin, begann ich mich dennoch für das Thema zu erwärmen. In noch abgeschwächter Form, die besser als Gehen Light Variante durchginge, sollte sie einer Bewertung zum Opfer fallen. Zur Vollversion fehlte mir zu diesem Zeitpunkt ehrlich gesagt noch der letzte Kick. Gehen um des Gehens willens schien mir noch etwas zu blass. Irgendetwas fehlte. Verlockend erschien zu diesem Zeitpunkt lediglich die Tatsache, dass es sich um etwas Neues, wenn auch nicht brandneu, so jedoch um einen neuen Denkansatz handelte. Irgendwas musste schon dran sein. Am Gehen.
Geht gehen ja mehr oder weniger automatisch. Selbst wenn dem Nordlicht allerlei Einfälle durch den Kopf jagen, während es geht, und ich gehe davon aus, dass es sich hierbei um eher finstere Gedanken handeln könnte. So man sich freiwillig in tiefe Abgründe hinein manövriert und nichts anderes dürfte das Überqueren einer Gletscherspalte letztendlich sein. Solche und ähnliche Überlegungen stellte ich in eigener Sache an. Fragte mich, ob es wohl auch beim deutlich weniger dramatischen”durch die Gegend Flanieren” zu derartigen Gehirnblitzen kommen konnte. Die Lesung jedenfalls verfehlte ihren Zweck nicht, ich war aktiviert, merkte auf und notierte gedanklich Autor und Werk.

Heute notiere ich meine Zeiten während derer ich gehe. Und die gegangenen Schritte…

GEHEN IM GARTEN: TAG ZWEI

2. Januar 2021
Dauer: 49 Minuten
Schritte: 3192

Nach dem kurzen Einstieg ins Garten-Gehen mit unrühmlichem Abgang gab ich mich tags darauf betont flott und legte einen Zahn zu.

Auch am zweiten Tag im Neuen Jahr gab es, wenig überraschend, nichts Neues im Garten. Dieser schien unverändert und präsentierte sich alles andere als einladend. Er zeigte sich von seiner schlechtesten Seite.

Und doch muss es möglich sein, auch an ungemütlichen Tagen ein paar Extra-Schritte abzuspulen, dachte ich mir. Allein schon, um in einen Gewohnheitsprozess hinein zu kommen. Da sich Gewohnheiten laut Experten erst nach drei Monaten einschleifen, hatte ich so gesehen noch eine weite Wegstrecke vor mir. Erst nach regelmäßiger Wiederholung oder konsequentem Üben, in diesem Fall Gehen, verlangt der Körper von selbst danach, wozu er zuvor tagtäglich angehalten worden war. Die Aussichten waren mit ein wenig Fantasie überschaubar. Noch dazu ging es Richtung Frühling und somit täglich ein Stück bergauf. Das hat das neue Jahr so an sich.

Das größere Problem erschien vielmehr, sich nicht die Sinnfrage zu stellen. Denn wirklich viel Abwechslung winkt dem Flaneur auf seiner kleinen Spritztour um diese Jahreszeit wahrlich nicht. Konkret, mir, der Gärtnerin. Selbst Gartenarbeiten, die in helleren und freundlicheren Zeiten nicht immer willkommen sind und mit Mühsal in Verbindung gebracht werden, wären eine prima Alternative gewesen. Dennoch, es gab tatsächlich nichts zu tun.

So habe ich mich, derart beschäftigungslos jedoch nicht faul, durchs Gelände schlendernd auf eine kleine Besichtigungstour begeben. Bin in den Keller abgebogen, habe dort nach dem rechten gesehen und konnte bei dieser Gelegenheit, den Gartengeräten sei Dank, doch noch ein paar Handgriffe zwischen den Regalen erledigen.

Um auch weiterhin in Aktion zu bleiben und Schritte zu machen, habe ich in Folge das Haus einige Male umrundet, doch auch dort war nichts los. Allein zwei Rosenzweige sorgten für unliebsame Abwechslung, da sie sich bei jeder neuen Runde an meinem Anorak festkrallten, so dass ich zur Schere greifen musste, um sie zu kappen. Das Match schien klar, entweder mein schicker Anorak oder die Rosen. Die Entscheidung fiel pro Anorak, hatten die langen Ruten der Rosen gerade keine Funktion.

Wie praktisch, dass wenigstens unter der Erde Betrieb zu sein schien. Aufgeworfene Erdhügel über dem Schnee und Mäuselöcher im Rasen zeugten davon. Viel Pech für Maus und Maulwurf, ein Glück für die walkende Gärtnerin, die die meterlangen Rosenruten gleich nachhaltig ins unterirdische Tunnelsystem einbringen konnte. Gekürzt und in die Mäuselöcher hineingestopft, sollte den Unterirdischen die Lust vergehen, sich durch den Garten zu graben. Außer sie hatten Lust darauf, sich zwischen den Dornen durchzuquetschen. Die kleine, listige Maßnahme sollte sie dazu auffordern, sich einen kuscheligeren Garten zu suchen. Der Punkt ging an mich, zumindest was die Schrittzahl anbelangte, die sich durch dieses Manöver automatisch etwas erhöht hatte. Die Lust weiter zu flanieren stieg sichtlich. Mit jedem weiteren Schritt.

Mangels weiterer sinnvoller Aufgaben machte ich mich auf die Suche nach ersten Zeichen aufkeimenden Lebens und erspähte zu meiner großen Freude tatsächlich ein wenig Nachwuchs. Man muss nur die Augen öffnen. Die Mahonie begann erste Blüten zu produzieren und die im Vorjahr gepflanzte Kletterhortensie bereitete sich auf ihren Einsatz vor und knospte bereits recht saftig. Schneeglöckchen konnte ich noch keine ausmachen, aber nachdem ich ja noch einige Tage zur gründlichen Inspektion vor mir hatte, sah ich darin kein allzu großes Problem.
Nachdem ich eine Eisrose, die der Witterung noch immer standhielt, fotografiert hatte, nicht ohne dazu wieder ins Haus zu walken, um mein mobiles Fotogerät, mit dem sich auch vortrefflich telefonieren lässt, zu holen, war erneut so gut wie alles erledigt. Es blieb mir nur noch die Vogelfutterstation nachzufüllen und dazu die Sonnenblumenkerne aus dem Keller zu holen. Die aktive Gartenrunde schien beendet zu sein.
Zum Abschluss wollte ich mir noch ein wenig die Füße vertreten, um noch ein paar Schritte zu sammeln und begann vor lauter Kälte zu trippeln. Was überraschenderweise dazu führte, dass ich an Japanerinnen im Kimono denken musste, die sich, derart geschürzt, nur in diesem Modus fortbewegen können. Ein eng geschnürter Kimono machts möglich. Sollte das die Lösung für mehr Schritte in derselben Zeit sein?
Wie sich das Modell Kimono und somit diese Art der Fortbewegung auf den Ausgang bei einem Marathon auswirkt sei dahingestellt, ich jedenfalls fand großen Gefallen an der Idee der halbierten Schrittgröße und begann zu trippeln. Als trüge auch ich einen Kimono.

GEHEN IM GARTEN: TAG DREI

3. Januar 2021
Dauer: 60 Minuten
Schritte: 3040

Gefühlt ein guter wie erfrischender Walk, dem die Überraschung auf den Fuß folgte. War ich doch ganze elf Minuten länger als am Vortag zugange und hatte es lediglich auf 500 und einen Schritt weniger gebracht. Was nach reiflicher Analyse jedoch kein Wunder war. Hatte ich bei dieser Runde eine alternative Form des Gehens gewählt und mich jedes einzelnen Schrittes bewusst im Garten bewegt. Spürte bei jedem Schritt die Erde unter den Füssen, war achtsam gegangen und hatte ruhig geatmet. Den Körper mit neuer Energie geflutet, über das Leben nachgedacht und zu allen Lebewesen im Garten und auf diesem Planeten eine Verbindung hergestellt. So wie es das buddhistische Gehen vorsieht…

Das Tagebuch führe ich noch heute, denn das Ergebnis des Einstiegs in die Welt des Gehens im und außerhalb des Gartens kann sich sehen lassen. Ich fühlte, dass ich auf dem richtigen Weg war. Den richtigen Weg eingeschlagen habe. Heute, zehn Monate später, gehe ich regelmäßig auf Tour und ziehe täglich meine Runden.
Dem Garten sei Dank.

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