Wie gefährlich sind Neophyten und wie kann man sie bekämpfen?

DAS BERUFKRAUT IST GEKOMMEN, UM ZU BLEIBEN Mitten im November blüht und blitzt es in zartem Weiß und hellem Lila aus dem Gebüsch ​hervor. Das Berufkraut oder Feinstrahl, wie das zarte Lieschen auch heißt, scheint seine Berufung gefunden zu haben. Von Beruf nicht nur invasives Kraut, sondern auch Blüher. Dauerblüher.

Wer das Unkraut loswerden will, greift zu einem erstklassigen Trick.

Das immer leicht zerzaust wirkende Unkraut überrascht und erfreut die ungläubige Gärtnerin, denn mittlerweile sind die ersten Fröste ins Land gezogen und überziehen den Garten mit einer Reifschicht. Lassen kleine Blümchen gnadenlos ​erfrieren. Bis auf eines.

Das Berufkraut. Bei diesem Neophyten handelt es sich um eine invasive Pflanze voller Saft und Kraft, vor allem eiserner Widerstandskraft. Ein Eindringling in unsere heimischen Gärten, der vielerorts gar nicht gerne gesehen wird. Trotz seines gefälligen Äußeren. Doch geht’s hier anscheinend um die inneren Werte dieses Schlingels, der sich völlig ungeniert in unsere heimische Pflanzenwelt hinein drängelt. Um, so wird ihm nachgesagt, alle Kollegen zu verdrängen. Gerade so, als wollte er alle zusammen aus dem Weg räumen.

VON GIFTIGEN NEOPHYTEN, BERUFKRAUT UND KARTOFFELN

Ist dieses aggressive Vordringen eine Gefahr für die Artenvielfalt in unseren Breiten? Oder geht die Gefahr primär von seinem vermeintlich gefährlich klingenden Namen Neophyt aus? Dabei bedeutet Neophyt nicht mehr und nicht weniger als „neue Pflanze“.

Neophyten sind Pflanzen, die bei uns nicht heimisch sind, sondern aus Übersee kommen. Pflanzen, die seit der Entdeckung Amerikas im Jahr 1492 zu uns über den großen Teich herüber geschwappt sind. Entweder mit Absicht eingeführt wurden oder einfach nur versehentlich bei uns gelandet sind. Zufällig gekommen, um zu bleiben.

Doch ist nicht alles gefährlich, was von auswärts kommt. Bestes Beispiel dafür ist unsere heiß geliebte Kartoffel. Sie ist auf keiner Watch List dieser Welt zu finden, obwohl sie alles andere als heimisch ist. Auch sie ist von spanischen Seefahrern aus Peru, Bolivien und Chile mit nach Europa gebracht worden. Und müsste – theoretisch jedenfalls – ebenfalls ausgemerzt werden, folgte man den Empfehlungen der Neophyten-Jäger. Könnte die Kartoffel, oder der Erdapfel, wie die invasive Knolle bei uns in Österreich heißt, doch die Herrschaft über unserer Gemüsepflanzen im Auge haben.

Selbstredend undenkbar. Aber gilt dieses freundliche Entgegenkommen auch für das Berufkraut? Interessanterweise scheinen hier andere Regeln zu gelten und das zarte und entzückend anmutende Pflänzchen, eine gelungene Mischung zwischen Gänseblümchen, Kamille und Mini-Margerite, soll ausgerottet werden. Weil gefährlich. Dabei ist es so nett anzusehen. Mal im weißen Kleid, dann wieder in Lila, wie gerade auch dieser Tage, im späten November.

Worin aber lauert nun die tatsächliche Gefahr des kleinen Gegners auf hohen Stängeln im Garten?
An dieser Stelle darf sogleich Entwarnung gegeben werden: Des Blümchens Blüten sehen so harmlos aus wie sie es auch ist. Ungiftig!
Im Gegensatz zu anderen Neophyten, wie dem Bärenklau, der Allergien auslösen und zu Verbrennungen wie Vergiftungen führen kann.

Das Berufkraut ist mehr in Hinblick auf unsere einheimischen Pflanzen nicht ganz ungefährlich, da Sorge besteht, dass diese durch seine Ausbreitung irgendwann gänzlich verschwinden könnten. Besonderes Augenmerk wird dabei auf Weiden und Wiesen gelegt, wo sich der Neophyt tendenziell stark verbreiten kann, heimische Arten von der Bildfläche verdrängt und so zu einer Bedrohung für hiesige Kulturpflanzen werden könnte. 

Ein Dilemma für alle, die großen Gefallen an den kleinen weißen Blüten gefunden haben und mit sich hadern. Soll ich oder soll ich nicht? Ausreißen oder in Ruhe blühen lassen und den frostigen Garten dadurch punktuell zum Leuchten bringen? Dadurch Gefahr laufen, bald nur noch Berufkraut blühen zu sehen. Da ist guter Rat teuer.

Ich bringe es allerdings nicht übers Herz, den zartbesaiteten Blümchen brutal den Kragen umzudrehen. Doch sollte mir eines Tages das Berufkraut zum unliebsamen Unkraut werden, das mir über den Kopf zu wachsen droht, kann ich ja es noch immer abmurksen. Bis dahin allerdings darf das gefiederte Kräutlein entspannt dem Winter entgegenwachsen. Denn dieser macht dem invasiven Treiben für heuer ohnedies bald ein Ende.​

SCHARF AUF BERUFKRAUT

Zu meiner großen Freude habe ich bei meiner Kollegin Karin Greiner, der Pflanzenexpertin aus Bayern, eine durch und durch attraktive Lösung für mich gefunden, mit dem Berufkraut in freundlicher Koexistenz zu leben. Mich an ihm sehenden Auges zu delektieren und falls mich der Hunger überrollt, mich direkt daran zu laben. 
Gibt es doch im Garten auch noch eine ganz andere Methode, um dem Überangebot an Berufkraut Herr zu werden. Frei nach der alten, aber guten Gärtnerregel: „Love it or eat it“. Wenn es mir zu viel wird, esse ich es einfach auf.

Oft ist die Lösung so einfach, wie gut. Es munde nämlich ausgezeichnet, sagt man ihm jedenfalls nach. Besonders schmackhaft sollen die Blütenköpfchen sein, die eine gewisse Schärfe und Würze in Speisen wie Grillgemüse, Eierspeisen und – man lese und staune – in Kartoffelgerichte bringen! 

​Die Neophyten sind wohl überall.

Berufkraut im November

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