Wie ein virtueller Besuch in der Krise gut tut und bereichernd sein kann: Gartenreise in Beth Chatto Gardens

DAHEIM BLEIBEN UND GLEICHZEITIG WAS ERLEBEN Was haben Reiselust und Frühlingsgefühle gemeinsam? Man will sie erleben und in vollen Zügen genießen. Im Garten, unterwegs und auf Reisen. Von anderen lernen und sich Inspirationen holen. Von einer ganz Großen, einer Grande Dame, deren Ideen heute aktueller denn je sind.

FERNWEH UND GARTENLUST STILLEN

Wer nicht reisen will, der bleibt daheim. Wer nicht reisen darf, der will reisen. Nichts Neues, sondern pure Psychologie. Der Reiz nimmt durch Verbote drastisch zu. In angespannten Zeiten sucht jeder nach Auswegen, mit noch nie dagewesenen Situationen auf seine Weise klar zu kommen. Eine besonders reizvolle Methode, seinen Alltag in der Isolation um schöne Erlebnisse zu bereichern, ist es, einen Besuch zu machen. Gerade in Zeiten der Krise.

EIN LEBEN FÜR DEN GARTEN

GärtnerInnen sind immer auf Achse. Denn die wahren Abenteuer sind im Garten. Und sind sie nicht im Garten, dann sind sie im Kopf. Ob analog oder digital, was zählt ist das Ergebnis. Und das mag helfen. Denn schöne Gedanken haben immer Saison, tun uns gut und helfen in der Krise, gerade dann, wenn es eng wird.

Nimmermüde GärtnerInnen halten in jeder Situation Ausschau nach neuen Anregungen für ihr grünes Paradies. Und wenn sie nicht über den Gartenzaun hinauskommen, dann reisen sie eben alternativ. Reisen virtuell und lernen dabei Beth Chatto kennen, die Queen of Green, ihre Ideen und Gartenpläne und wie sie diese umgesetzt hat. Wie es ihr gelungen ist, ihr Credo “Die richtige Pflanze am richtigen Ort” in ein stimmiges Gartenkonzept zu verwandeln, Mit welchen Problemen sie konfrontiert war und womit sie zu kämpfen hatte. Denn auch die Grandes Dames aller Gärten dieser Welt bleiben davon nicht verschont. 

Welcome to Beth Chatto Gardens!

©Kathrin Kock


​BETH CHATTO GARDENS

Gastbeitrag von Kathrin Kock

Wer in Elmstead Market in Essex/East Anglia einen Garten anlegen möchte, hat sich nicht gerade die bevorzugte Gegend im Mutterland der Gartenkultur ausgesucht. Im Sommer lässt der Regen in der Gegend von Colchester in manchen Jahren wochenlang auf sich warten. Die Ostwinde trocknen die Gegend komplett aus. 

Die Eiszeit hat diesem Landstrich eine Sedimentschicht von 7-8 Metern hinterlassen, so mancher Gärtner hätte unter diesen Bedingungen erst gar nicht angefangen. In dieser trostlosen Gegend ist trotz aller Widrigkeiten einer der berühmtesten Gärten Englands entstanden.

Mit ihrem Mann Andrew, der in Elmstead Market eine Obst Farm betrieb, schuf Beth Chatto von 1960 an auf ein paar tausend Quadratmetern diesen ungewöhnlichen Garten. Sie fanden Ödland mit trockenem Geröll und einer Senke mit nassem schwarzem Schlamm vor. Nicht gerade die idealen Bedingungen für einen opulenten Garten. 

Beth Chatto, die 1923 geboren wurde, war von Beruf Lehrerin und hat sich in der Familienphase schon mit ihrem Club “Für Freunde von Blumengestecken” einen Namen gemacht, da sie ungewöhnliche Pflanzen und Samenstände für eben diese Gestecke verwendete.

Nachdem sie ihr neues Wohnhaus am Rande der Obst Farm errichtet hatten, begann sie mit der Entfernung von allerlei Gestrüpp, Brombeerranken, Farnen und Brennnesseln. Übrig blieb ein nutzloser staubiger und ausgemergelter Boden.

Auf dem Gelände standen erstaunlicherweise jedoch zwei mächtige Eichen, etwa 300 Jahre alt. Im Talgrund gab es immerhin eine Quelle, die Niederung war aber ein Morast aus Schlick, Lehm und Schluff. 

Beth und Ehemann Andrew Chatto hatten sich aber zu jener Zeit schon intensiv mit dem Botanisieren und der Frage beschäftigt, unter welchen Bedingungen die Pflanzen, die in Gärten verwendet werden, in ihrem natürlichen Umfeld wachsen und gedeihen. Sie erforschten die Lebensbedingungen sehr genau und entwickelten den Grundsatz “Right Plant, Right Place“, die richtige Pflanze am richtigen Standort. Beide brachten es auf den Punkt: “Pflanzen sind wie Menschen. Sie wollen nicht eingeordnet werden am erstbesten Platz, sie wollen ihre Ansprüche befriedigt sehen.” 

Sie suchten nach geeigneten Pflanzen, die mit den unterschiedlichen Situationen ohne künstliche Bewässerung zurecht kommen würden. So mussten Pflanzen für den oberen trockenen Garten gefunden werden, dann für den ebenfalls trockenen Waldgarten und für den feuchten Wassergarten im Talgrund.

Aus der schlammigen Niederung entstanden fünf Teiche unterteilt durch Gras bewachsene Dämme. Hier dominiert das sanfte Grün der großen Gräser, Hemerocallis (Taglilien), Astilben und Gunnera (Mammutblatt). ​

​Im Waldgarten herrscht ebenfalls große Vielfalt. Bäume und Sträucher bieten einen schützenden Lebensraum für Schattenpflanzen. Der Wald aus Weiden, Magnolien, Sumpfzypressen, Birken und Rhododendron hat sich entwickelt. Im trockenen Schatten wurde der Boden aus Sand mit Schotter vermischt zur Wasserspeicherung. Hier wachsen Cyclamen (Alpenveilchen), Farne, Funkien in sämtlichen Sorten, Salomonsiegel, Geißblatt und vieles mehr. Alles Pflanzen, die nicht mit einer “lauten oder grellen” Blüte die ruhige Atmosphäre stören.
 
Um das Haus herum ist ein Refugium für Trockenpflanzen entstanden. Artischocken, Edeldisteln, Beifuß, Zierlauch dienen als Kulisse. Davor breiten sich Sedumsorten aus, Dachwurze, Warzenwolfsmilch und die graublättrigen Mittelmeerpflanzen wie Lavendel, Thymian und Salbei.
 
Was den Garten ausmacht, sind die unterschiedlichen Blattvariationen und Strukturen. Das “Grün” nicht gleich “Grün” ist, bekommt man hier deutlich aufgezeigt. Beth Chatto sagte: “Als erstes muss man sich trennen von seiner Vorliebe für Blüten und bekommt dann heraus, wie viele erstaunliche Blattvariationen es in Farben, Texturen, Form und Strukturen es gibt. Wenn Sie mit Laubwerk gestalten, kommen die Blüten von ganz allein.”
 
Sicherlich hat sie in Elmstead Market aus der Not eine Tugend gemacht. Aber die Vorliebe für “grüne Blumen”, für Gräser, Blattformen und Samenstände haben ja schon in ihren Blumenarrangements eine gewisse Geschichte.

Früh hat Beth Chatto begonnen, Pflanzen selbst zu züchten. 1967, als die beiden Töchter erwachsen waren und Beth die 40 überschritten hatte, gründete sie eine Stauden-Gärtnerei für ungewöhnliche Pflanzen (Nursery for Unusual Plants), die auch heute noch besteht. Sie hegte und pflegte ebenfalls exotische Pflanzen. Ihre große Liebe galt aber den einfachen und unspektakulären Pflanzen.
 
Die erste und für sie wichtigste Auszeichnung bekam Beth Chatto 1975 bei der Blumenschau der Royal Horticultural Society. Die Silbermedaille für eine Winter Komposition, ganz in grün gehalten, bestehend aus Christrosen, Iris, Lungenkraut und Gräsern. Diese Silbermedaille brachte ihr den Durchbruch.
 
Wer in Großbritannien in Sachen Garten zu Erfolg und Ruhm gelangen möchte, der kommt an der Chelsea Flower Show nicht vorbei. Bis 1987 gewann Beth Chatto 10 Goldmedaillen. Sie hat mit ihren ungewöhnlichen Pflanzungen und Arrangements Jury und Fachpublikum immer wieder überrascht. Diverse Bücher, Publikationen, Vorträge, Orden und Ehrendoktortitel kamen zu ihren Erfolgen hinzu. 
 
Der im Jahre 1992 auf dem ehemaligen Parkplatz ihrer Gärtnerei anlegte Kiesgarten erlangte weltweite Bedeutung und hat zahlreiche Gartengestalter seitdem inspiriert, sich dieser Thematik zu widmen.
In Zeiten des Klimawandels und nach den beiden sehr trockenen Sommern in 2018 und 2019 ist das Thema hoch aktuell. Wieder bewahrheitet sich der Grundsatz, die richtige Pflanze an den richtigen Standort zu setzen.
 
Beth Chatto starb im Mai 2018 im Alter von 94 Jahren. Ihre bewegte und sehr interessante Lebensgeschichte ist 2019 unter dem Titel “Beth Chatto – Mein Leben für den Garten” im Ulmer Verlag erschienen.

Weitere Entdeckungen und Informationen direkt aus Beth Chatto Gardens finden Sie hier.

Die Autorin Kathrin Kock

“Im Rahmen meiner Gartentour “Gardenhighlights in Südengland” habe ich die Beth Chatto Gardens im Juni 2016 besucht. Ein Garten, der mich sofort in seinen Bann gezogen hat! Die Strahlkraft der Grande Dame der Gartenkultur war in jeder Pflanzung zu erkennen und wird sicher auch nach ihrem Tod weiterhin erfahrbar sein. ​Ein Besuch in der Stauden-Gärtnerei blieb natürlich nicht ohne Folgen. Ihre Bücher sind im angrenzenden Laden zu bekommen und bei einer guten Tasse Tee und köstlichen Scones kann man ganz wunderbar alle Eindrücke verarbeiten – um dann, frisch gestärkt noch einmal ganz in Ruhe durch den Garten zu gehen…”

​Die Autorin veranstaltet regelmäßig Gartenreisen im In-und Ausland. Mehr über Kathrin Kock ​finden Sie auch auf ihren Seiten kathrin.liebt.garten auf Pinterest und Instagram, wo sie Einblick in ihren bunten Gartenalltag und weitere Reisen gibt.  ​

Weitere spannende Gärten dieser Welt können Sie hier entdecken.

6 Kommentare zu „Wie ein virtueller Besuch in der Krise gut tut und bereichernd sein kann: Gartenreise in Beth Chatto Gardens“

  1. Sara - Mein Waldgarten

    Gartenreisen sind was Feines, intern wie extern. Letztere habe ich allerdings noch nie gemacht, sollte mal in der Zukunft in Angriff genommen werden, z.B. um englische Gaerten zu besichtigen. Allerdings, wer weiss, ob man sich das noch wird leisten koennen …
    Puhh, ja das mit der Sedimentschicht kenne ich nur zu gut, was ich schon fuer Steine aus dem Erdreich geholt habe. Endmoraene, exklusiv … und auch der vorige viel groessere Waldgarten war auf Kalkmergel gebaut …
    Ich glaube, mit einer grossen Liebe zum Garten schafft man es immer irgendwie, sich sein kleines Paradies zu zaubern. Wozu haben wir Menschen unseren Kopf. 😉 🙂
    Ahh und wenn ich Waldgarten lese – Du weisst, was ich meine! 🙂 Meine bevorzugte Gartenform bzw. eine Mischung zwischen Wald und Park, eher Waldrand … da kann ich mich sehr gut hineinversetzen, auch wenn ich mich mit Beth Chatto bislang, muss ich gestehen, noch nicht beschaeftigt habe.
    Vielleicht sollte ich auch so eine Gaertnerei begruenden, ueberlege ich gerade *lach* – denn bei uns sieht es mittlerweile trostlos aus. Alles, was man in den “Gaertnereien” bzw. eher Baumaerkten so kaufen kann, kommt aus den bekannten Grosslagern. Individuelles, das Seltene, findet man kaum noch. Da bleibt dann doch nur wieder das Internet. Das muesste nicht sein. Und wenn ich so sehe, was allein mein Garten an Unmengen von Ablegern produziert … 😉
    Ja, genau, die Chelsea Flower Show, die muss ich mal sehen! Oh Mann, wer weiss, wann das wieder moeglich ist.
    Wie schoen, dass Du mich aufmerksam gemacht hast! Trotz Corona schaffe ich nix mehr, aber wenn man noch auf Instagram ist … Du kennst das ja … Und wenn das jetzt auch ein Gastartikel ist, richte ich meinen Kommentar doch auch an @Garteninspektor 🙂
    Herzlichen Dank fuer den schoenen Artikel mit den herrlichen Bildern, ein Genuss!
    Bleibt gesund, liebe Gruesse
    Sara
    aus dem Waldgarten

  2. Liebe Dani, der Gastartikel ist wirklich gelungen. Ich habe von Beth Chatto schon mehrfach gehoert, aber mich eigentlich nur naeher mit ihr beschaeftigt.
    LG Kathrin

  3. Gartenkriecher09

    Wirklich ein sehr schoener Blog mit sehr interessanten Artikeln. Hier werde ich ab sofort oefter zum Lesen vorbeischauen. Ich denke auch ueber eine neue Bepflanzung im Garten nach.

  4. Thanks for sharing this information. I really like it very much. You have really shared a informative and interesting post with people

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